Konstruktivismus und Umwelterziehung

Der Vorgang des Lernens aus der Sicht des Konstruktivismus

Das Individuum orientiert sich automatisch an seiner realen Umwelt (im weitesten Sinne). Das menschliche Gehirn erfindet (konstruiert) das, was "Umwelt" oder "Welt" heißt. Die erkannte Wirklichkeit (Wahrnehmung) ist dann ein Produkt der individuellen Ziele und Handlungen. Das Individuum sieht dabei nur das, was es sehen will und merkt sich vor allem das, was ihm ein positives Feedback liefert.
So zeigt das Hinterfragen des Begriffes "Natur", dass sich die Antworten von Mensch zu Mensch stark unterscheiden. Die Antworten sagen viel über die Natur des befragten Individuums aus aber zumeist nichts über die Natur der Natur. Für den Konstruktivismus gibt es deshalb keine objektive Sicht.
Das macht es dem um Objektivität bemühten Lehrer schwer, was soll er vermitteln, wenn es eine einheitliche reale Welt in den Köpfen der Menschen gar nicht gibt?
Alle Aktivitäten der Jugendlichen lösen Reaktionen aus entsprechend der von ihnen wahrgenommenen Umwelt, Medien und Bilder haben Schlüsselfunktionen. So verändern die Jugendlichen laufend ihre Vorstellung von der Welt, von der Gesellschaft, von ihrem individuellen Auftrag in der Gruppe oder von sich selbst.
Konstruktivistisches Lernen ist ein Anpassungsvorgang an die wahrgenommene Umwelt. So reagieren Jugendliche aus der Stadt anders als Jugendliche vom Land. Das soziale Umfeld ist weitgehend entscheidend für das, was Jugendliche lernen und wie sie handeln. (PISA bestätigt diesen Befund.)

Wie sieht "konstruktivistischer" Unterricht aus?

  • Jugendliche dort abholen, wo sie sich in ihrer Entwicklung gerade befinden.
    Die Ansätze von "Open Space Technology" helfen hierbei, siehe unten.
  • Orientierungshilfen im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung geben und gleichzeitig Disparitäten im sozialen Umfeld ausgleichen.
    Die Wahl geeigneter Handlungsfelder, die Einbeziehung geeigneter Vorbilder (Idole)  und die Intensivierung kommunikativer Möglichkeiten zwischen Jugendlichen helfen hier.
  • Wertvorstellungen aus dem persönlichen Erlebnisumfeld abklären und in Richtung Nachhaltigkeit lenken. Dazu mit den Jugendlichen Ziele für eine nachhaltige Entwicklung gestalten. Stichwort: Wie soll unsere Kulturlandschaft in 20 Jahren aussehen?
  • Raumerfahrungen unter Nachhaltigkeitszielsetzungen vermitteln, d.h. das individuelle Umwelterlebnisfeld räumlich ausweiten. Der Großraum muss den persönlich erreichbaren nahen Erfahrungsraum ergänzen. Lernen mit Geodaten weist hier den Weg für viele Handlungsfelder.
  • Zeiterfahrungen auf Nachhaltigkeitszielsetzungen ausrichten, d.h. ein Verständnis für längere Zeiträume fördern. Längere Zeitphasen müssen als Wirklichkeit erlebbar sein.
    Dies erscheint beim ersten Nachdenken unmöglich zu sein. Doch "Zukunftssicherung" gehört auch zum Selbsterhaltungstrieb des Menschen. In Simulationen lassen sich hierzu Strategien entwickeln und einüben.

Werkzeuge des konstruktivistischen Lernens

"Open Space Conference", "Open Space Training", "Szenarien" und "Missionen" sind unsere Ansätze zur Arbeit mit den Jugendlichen im Rahmen der Umwelterziehung. Für den Lehrer sind diese neuen Ansätze eine große Herausforderung, hat er doch während seiner Ausbildung dazu nichts erfahren. Der Lehrer wird hier primär als Pädagoge und als Moderator tätig, und erst nachrangig als Wissensvermittler. Der Lehrer muss nutzergerechte Angebote organisieren und die Lerner betreuen. Dabei muss er sich stets zwei Grundfragen stellen (siehe http://www.tuwas.net):
- Was müssen wir wissen, um zu handeln?
- Was müssen wir tun, um zu wissen?

Über "Open Space Conference" für Großgruppen bis 800 Teilnehmer gibt es bei http://www.4managers.de viel nachzulesen. Wir übertragen die Idee auf Kleingruppen.

Das Handlungskonzept "Open Space Conference":

Der Moderator (Lehrer) gibt einen thematischen Rahmen vor. Die Einführung dazu sollte nur sehr kurz ausfallen. Die Teilnehmer (Schüler) bestimmen dann den Handlungsverlauf, indem sie Fragen formulieren, über die sie mit anderen Teilnehmern diskutieren wollen. Die Fragen werden dazu auf dem sog. Marktplatz (z.B. Korktafel im Klassenzimmer) veröffentlicht. Jede Frage führt zur Bildung einer Arbeitsgruppe. Jeder Teilnehmer geht nun zu der Arbeitsgruppe, für deren Frage er sich am meisten interessiert.

Die Selbstverantwortung und Selbstorganisation der Teilnehmer wird durch feste Regeln gefördert.
1. "Jeder hat das Recht zwischen Arbeitsgruppen zu wechseln."
2. "Wer zu einer Gruppe kommt, ist die richtige Person," das Interesse ist gesichert.
3. "Alle sind offen für das, was in der Gruppe passiert," unerwartete Ereignisse und Ergebnisse geben meist die kreativsten Anstöße.
4. "Es beginnt, wenn die Zeit reif ist." Beginn und Ende evtl. auch eine Vertagung (wenn Informationen erst noch beschafft werden müssen) bestimmt die Gruppe selbst.
5. "Vorbei ist vorbei," verhindert, dass Themen totgeredet werden. Die Teilnehmer verteilen sich auf andere Gruppen.

Man wird sagen, dass dies nur im Schullandheim, nicht aber im regulären Unterricht mit 45 Minuten gelingt. Dem ist nicht so! Wenn das vorgegebene Thema im Interesse der Schüler einer Klasse liegt, dann klappt das auch im Schulalltag recht gut. Die Erwartung, dass es bei Arbeitsende zu jeder gestellten Frage eine Ausarbeitung gibt (z.B. als Hausaufgabe),  erzeugt den notwendigen Ernst bei der Arbeit. Die Ergebnisse werden im Plenum von den Leitern der Arbeitsgruppen (zumeist die Fragesteller) vorgestellt. Wenn der Moderator auf die Form der Präsentation einen besonderen Wert legt, dann liefert die gelungene Präsentation vor der Klasse ein sehr positives Feedback.
Wir verwenden den Ansatz von "Open Space Conference" vor allem für den Einstieg in ein größeres Projekt. Hier geht es ja speziell darum, die Interessenlage bei den Teilnehmern zu eruieren und Impulse für die individuelle Eigentätigkeit zu setzen.

Das Prinzip von "Open Space Conference" haben wir auf die praktische Arbeit übertragen. "Open Space Training" bzw. "Lernparcours" nennen wir dies. Bei den Regeln entfällt nur die erste: Der nachträgliche Wechsel von Gruppenmitgliedern ist hier nicht erlaubt.
Auch hier legt der Lehrer als Moderator das Hauptthema fest, z.B. "Strahlungsmessungen".
Einzelne Schüler wählen sich aus einer Angebotsliste (mit Geräteangaben und weiteren Grundinformationen) das sie besonders interessierende Angebot aus, z.B. "Temperatur - Exposition". Andere Schüler schließen sich der Gruppe an. Ein gedruckter Text zur Problemstellung und die Messgeräte werden der Gruppe übergeben.
Diese sog. "Lernparcours" laufen in der Regie der Schülergruppe: Gruppenbildung und Aufgabenverteilung, Umsetzung der Messvorgaben, die Evaluation und die multimedial aufbereitete Präsentation der Ergebnisse.
(Nach diesem Verfahren arbeitet auch das DLR-School-Lab in Oberpfaffenhofen.)

"Szenarien" sind Langfristprojekte, die dem "Open Space Training" ähneln. Der Lehrer gibt ein Arbeitsfeld mit definierten Arbeitszielen vor. Die Schüler können sich ihre Aufgabengebiete frei wählen. Das Szenarium ist gleichsam die Bühne, auf der alle Schüler auftreten.